Wir durften etwas reisen. Eine Woche, drei Städte: Antwerpen, Amsterdam und Köln. Drei jede für sich wundervolle Städte in denen sowohl die Menschen als auch das Essen erstaunlich gut sind. Was man nicht von all ihren Hotels sagen kann.
Zum Auftakt in Antwerpen hatten wir das grosse Glück in einem absurd wundervollen Hotel nächtigen zu dürfen, dem Botanic Sanctuary und Spa. Ich fand den Namen ja ursprünglich ein wenig drüber, muss aber gestehen dass er sehr schön das Wesen des Hotels beschreibt. Eine Oase der Ruhe und Entspannung in einer Stadt die ohnehin schon mal nicht gerade unter Bluthochdruck leidet. Besser geht ein Städtetrip nicht. Entspannt machten wir uns also auf den Weg nach Amsterdam. Mit dem Auto – was schon mal nicht die cleverste Idee des Jahres war.
Die Stadt rühmt sich ja damit besonders tolerant zu sein. Was nur bedingt stimmt. Wie ich lernen musste ist die grösste Bevölkerungsgruppe in Amsterdam nicht die der Holländer, Touristen, Frauen oder Männer – es sind Fahrradfahrer. Eine Gruppe die in Sachen Toleranz gegen Andersdenkenden unnachgiebiger sind als ein Talibanältester an einem schlechten Tag im Afghanistankrieg. Nach nur etwa zwei Stunden herumgurken in Amsterdams wunderschönen und verblüffend engen Sträßchen der Innenstadt, kommen wir im Hotel an. Es nennt sich The Hoxton und hat eigentlich nur durchgängig gute Bewertungen. Die kann es schon mal nicht für den Preis bekommen haben – für den Zimmerpreis kriegt man sicher auch schon ein fahrtüchtiges Auto. Egal, zentral ist es.
Schon beim Einchecken fällt uns auf: meine wundervolle Frau und ich sind noch weit vom Renteneintritt entfernt, heben aber den Altersschnitt im Hotel um locker 15 Jahre. Bedient werden wir von einer jungen Dame am Empfang, die ein bisschen zu oft ‚hier‘ geschrien hat als die Euphorie verteilt wurde. So ziemlich alles was wir ihr sagen oder reichen ist ‚amazing‘, ‚awesome‘ oder ‚fantastic‘. Aber ist ja besser als eine muffige Type mit Nuschelneigung.
Hier fiel mir auch gerade mal auf dass ich einen neuen Spleen entwickelt habe. Oder wie man heute wahrscheinlich sagen würde: da triggert mich was. Ist mir schon öfter mal aufgefallen, machen auch viele in besonders hippen Restaurants – die belehrende Erklärung von Selbstverständlichkeiten. Meist eingeleitet von dem Satz ‚Ihr wisst, wie das bei uns funktioniert?‘ Darauf folgt fast immer ein kleiner Vortrag über eher grundsätzliches Procedere:
‚Bei uns könnt ihr Essen zum Teilen bestellen’.
‚Die Sauce könnt ihr dann mit Brot auftunken’ ‚
‘Nach der Hauptspeise könnt ihr bei mir dann noch Dessert bestellen’
Im Hoxton erfahren wir daher die neusten Revolutionen des Hotelgewerbes:
‚Wenn ihr Fragen zur Stadt habt, könnt ihr bei uns immer an der Rezeption fragen‘ und
‚Bei uns kriegt ihr dann auch abends Drinks an der Bar.‘
Wahnsinn. Gebührend beeindruckt begeben wir ins Zimmer. Wirklich nett gemacht, zeigt aber schon klar wo wir hier sind: hier gibt es kein Design, hier gibt es ein Konzept. Ich weiss nicht, welcher Innendesigner sich hier austoben durfte, im Briefing dürften aber sicher häufig die Begriffe ‚retro’ und ‚egal, Hauptsache dunkelgrün’ gefallen sein. Danach durfte scheinbar noch mal in Texter ran. Fast alles im Zimmer hat Untertitel.
- Am Telefon mit Wählscheibe klebt ein Sticker mit ‚Call me‘
- Das Briefpapier kommt nicht ohne die Erklärung ‚Notes from Amsterdam‘ aus
- Ich finde ja das hätte mal auch konsequenter machen koennen. Warum nicht mal ‚Shit happens’ an der Toilettenspülung oder ‚Don’t panic’ am Badezimmerspiegel?
Trotzdem. Nett ist es, die Matratze gut und das Badezimmer ist ein abgetrennter Raum, man muss auch dankbar sein koennen.
Erst nachdem wir abends ins Hotel zurückkehren, fallen uns überhaupt die viel deutlicheren Zeichen auf die allesamt schreien ‚Wer hier keinen Laptop, Schnurrbart oder Ballonseidenjacke trägt, macht sich grundverdächtig‘
Am Eingang steht ein Fotoautomat der Passbilder in Retro-Optik auswirft. Vor ihm bildet sich fast den ganzen Tag durch eine meterlange Schlange von Menschen, die alles das Gleiche machen: ‚Foto machen, wedeln und trocknen, danach ein Selfie mit eigenem Foto an der Gracht machen’ Meine geliebte Frau ist genauso gebannt wie ich und kriegt nur ein fasziniertes ‚Das ist so irre Meta’ raus. Besser kann ich es auch nicht beschreiben.
In der Hotellobby geht es weiter. Bevölkert wird sie ausschliesslich von Digital Nomads die fröhlich remote arbeiten oder gleich ihr Meeting im Hotel abhalten. Diskret sind sie dabei nicht. Innerhalb von zehn Minuten kenne ich die Quartalszahlen und Mitarbeiterbewertungen von fünf Startups. In der Lobby befällt mich auch eine erste Ahnung: prominent im Raum steht – ein fest installiertes DJ Pult. Mir schwant Übles.
Abends bewahrheiten sich meine schlimmsten Befürchtungen: das Hoxton lässt jeden Abend einen DJ an die Regler, der mit viel Elan dafür sorgt dass sich im Radius von 2km niemand mehr unterhalten kann. Seinen Künstlernamen habe ich nicht mitbekommen, ich wette aber kleinere Körperteile darauf, dass ihn ihm ein ‚Afro’ enthalten ist. Also tolle Haare hat der Mann, muss man ihm lassen. Noch dazu deutlich mehr als ich – aber das ist auch keine so grosse Leistung mehr. Dazu ist seine Performance schon fast olympisch, er steht keine fünftel Sekunde still. Kurz hatte ich auf Epilepsie getippt, er tanzt aber scheinbar einfach nur gerne. Viel weniger gerne legt er sich auf einen Musikstil fest: Auf 90er Jahre Techno folgt Soul, danach Ibiza-House, gefolgt von lyrischem Rap aus Westafrika. Eklektisch isser.
Trotzdem gebe ich zu: für ein Wochenende machbar. Vielleicht werde ich ja auch einfach toleranter dem Zeitgeist gegenüber. Angekommen an unserem nächsten Ziel, Köln, stelle ich fest: nein.
Wir sind gebucht im 25 Hours The Circle. Einem wirklich schönen Bau der ursprünglich mal Hauptsitz einer Versicherung war, vermutlich in den 50er/60ern. Toll, wie man noch heute sieht dass Versicherungen scheinbar schon immer gut verdient haben. Jetzt aber ist der Prachtbau ein hippes Hotel. Oder zumindest eines dass es gerne sein möchte. Hier hat man sich für das Konzept ‚Raumfahrt der 70er’ als stilgebendes Element entschieden. Warum auch immer. Sie legen in Sachen unironischem Hipsterklischees noch mal drei Schippen drauf.
- Natürlich gibt es eine Ecke in der man Schallplatten kaufen kann.
- Und einen Spieleautomat aus den 80ern.
- Displays mit Laufschriften fast lyrischer Natur „Beam me up, ‚Spaceship command only’ oder ‚Hemorrhoid Heaven’.
- Ok, letzteres habe ich mir ausgedacht, wäre hier aber auch nicht aufgefallen.
- Zudem haben sie eine lebensgrosse Astronautenpuppe vor den Fahrstuhl geschleift, vor dem ich mich jedes Mal erschrecke, wenn ich ins Zimmer will.
Der Empfang ist aber auch wieder ausgesprochen freundlich und im Gegensatz zu seinem holländischen Pendant wohl nicht auf Ecstasy. Dafür war es der Innendesigner sicher über Wochen:
- Das Fahrstuhlinnere sieht aus, als ob jeden Moment der auferstandende Michael Jackson mit seiner Schwester ein Video drehen wird.
- Die Zimmeraufteilung wurde von einer Type gemacht, der am ersten Level von Tetris scheitert.
- Es gibt keinen Schrank, dafür hängen an jeder Ecke Kleiderbügel im Raum: neben dem Fernseher, an der Tür, im Bad. Nachdem wir ausgepackt haben sieht es im Zimmer aus wie in einer Kleiderboutique im Krieg.
- Das Badezimmer ist Teil des Schlafzimmers. Oder umgekehrt, in Sachen Grösse geben sich die beiden Bereiche nicht viel.
- Und natürlich sind die Lampen im Stil der 60er.
Ein kleines Büchlein lässt, O-Ton ‘Hyper-Locals’, zu Wort kommen, die aus berufendem Munde Tipps zur Stadterkundung geben:
Man sollte mal in eine Kölschkneipe gehen.
Im Park kann man schön spazieren.
Einkaufen kann man ganz toll in der Innenstadt.
In manchen Cafés gibt es ganz tollen Kaffee.
Dem kann man schwer was hinzufügen. Mir hätte vielleicht der Hinweis gefehlt dass der Dom eine schmucke Kirche ist. Im nächsten Leben werde ich auch Hyperlocal.