Midlife-Mimimi

Für alle, die schon immer wissen wollten was im Kopf eines Mannes mittleren Alters vorgeht – willkommen in meinem.

  • Wir durften etwas reisen. Eine Woche, drei Städte: Antwerpen, Amsterdam und Köln. Drei jede für sich wundervolle Städte in denen sowohl die Menschen als auch das Essen erstaunlich gut sind. Was man nicht von all ihren Hotels sagen kann. 

    Zum Auftakt in Antwerpen hatten wir das grosse Glück in einem absurd wundervollen Hotel nächtigen zu dürfen, dem Botanic Sanctuary und Spa. Ich fand den Namen ja ursprünglich ein wenig drüber, muss aber gestehen dass er sehr schön das Wesen des Hotels beschreibt. Eine Oase der Ruhe und Entspannung in einer Stadt die ohnehin schon mal nicht gerade unter Bluthochdruck leidet. Besser geht ein Städtetrip nicht. Entspannt machten wir uns also auf den Weg nach Amsterdam. Mit dem Auto – was schon mal nicht die cleverste Idee des Jahres war.

    Die Stadt rühmt sich ja damit besonders tolerant zu sein. Was nur bedingt stimmt.  Wie ich lernen musste ist die grösste Bevölkerungsgruppe in Amsterdam nicht die der Holländer, Touristen, Frauen oder Männer – es sind Fahrradfahrer. Eine Gruppe die in Sachen Toleranz gegen Andersdenkenden unnachgiebiger sind als ein Talibanältester an einem schlechten Tag im Afghanistankrieg. Nach nur etwa zwei Stunden herumgurken in Amsterdams wunderschönen und verblüffend engen Sträßchen der Innenstadt, kommen wir im Hotel an. Es nennt sich The Hoxton und hat eigentlich nur durchgängig gute Bewertungen. Die kann es schon mal nicht für den Preis bekommen haben – für den Zimmerpreis kriegt man sicher auch schon ein fahrtüchtiges Auto. Egal, zentral ist es. 

    Schon beim Einchecken fällt uns auf: meine wundervolle Frau und ich sind noch weit vom Renteneintritt entfernt, heben aber den Altersschnitt im Hotel um locker 15 Jahre. Bedient werden wir von einer jungen Dame am Empfang, die ein bisschen zu oft ‚hier‘ geschrien hat als die Euphorie verteilt wurde. So ziemlich alles was wir ihr sagen oder reichen ist ‚amazing‘, ‚awesome‘ oder ‚fantastic‘. Aber ist ja besser als eine muffige Type mit Nuschelneigung. 

    Hier fiel mir auch gerade mal auf dass ich einen neuen Spleen entwickelt habe. Oder wie man heute wahrscheinlich sagen würde: da triggert mich was. Ist mir schon öfter mal aufgefallen, machen auch viele in besonders hippen Restaurants – die belehrende Erklärung von Selbstverständlichkeiten. Meist eingeleitet von dem Satz ‚Ihr wisst, wie das bei uns funktioniert?‘ Darauf folgt fast immer ein kleiner Vortrag über eher grundsätzliches Procedere: 

    ‚Bei uns könnt ihr Essen zum Teilen bestellen’. 
    ‚Die Sauce könnt ihr dann mit Brot auftunken’ ‚
    ‘Nach der Hauptspeise könnt ihr bei mir dann noch Dessert bestellen’ 

    Im Hoxton erfahren wir daher die neusten Revolutionen des Hotelgewerbes:

    ‚Wenn ihr Fragen zur Stadt habt, könnt ihr bei uns immer an der Rezeption fragen‘ und
    ‚Bei uns kriegt ihr dann auch abends Drinks an der Bar.‘

    Wahnsinn. Gebührend beeindruckt begeben wir ins Zimmer. Wirklich nett gemacht, zeigt aber schon klar wo wir hier sind: hier gibt es kein Design, hier gibt es ein Konzept. Ich weiss nicht, welcher Innendesigner sich hier austoben durfte, im Briefing dürften aber sicher häufig die Begriffe ‚retro’ und ‚egal, Hauptsache dunkelgrün’ gefallen sein. Danach durfte scheinbar noch mal in Texter ran. Fast alles im Zimmer hat Untertitel. 

    • Am Telefon mit Wählscheibe klebt ein Sticker mit ‚Call me‘
    • Das Briefpapier kommt nicht ohne die Erklärung ‚Notes from Amsterdam‘ aus
    • Ich finde ja das hätte mal auch konsequenter machen koennen. Warum nicht mal ‚Shit happens’ an der Toilettenspülung oder ‚Don’t panic’ am Badezimmerspiegel?

    Trotzdem. Nett ist es, die Matratze gut und das Badezimmer ist ein abgetrennter Raum, man muss auch dankbar sein koennen. 

    Erst nachdem wir abends ins Hotel zurückkehren, fallen uns überhaupt die viel deutlicheren Zeichen auf die allesamt schreien ‚Wer hier keinen Laptop, Schnurrbart oder Ballonseidenjacke trägt, macht sich grundverdächtig‘

    Am Eingang steht ein Fotoautomat der Passbilder in Retro-Optik auswirft. Vor ihm bildet sich fast den ganzen Tag durch eine meterlange Schlange von Menschen, die alles das Gleiche machen: ‚Foto machen, wedeln und trocknen, danach ein Selfie mit eigenem Foto an der Gracht machen’ Meine geliebte Frau ist genauso gebannt wie ich und kriegt nur ein fasziniertes ‚Das ist so irre Meta’ raus. Besser kann ich es auch nicht beschreiben. 

    In der Hotellobby geht es weiter. Bevölkert wird sie ausschliesslich von Digital Nomads die fröhlich remote arbeiten oder gleich ihr Meeting im Hotel abhalten. Diskret sind sie dabei nicht. Innerhalb von zehn Minuten kenne ich die Quartalszahlen und Mitarbeiterbewertungen von fünf Startups. In der Lobby befällt mich auch eine erste Ahnung: prominent im Raum steht – ein fest installiertes DJ Pult. Mir schwant Übles. 

    Abends bewahrheiten sich meine schlimmsten Befürchtungen: das Hoxton lässt jeden Abend einen DJ an die Regler, der mit viel Elan dafür sorgt dass sich im Radius von 2km niemand mehr unterhalten kann. Seinen Künstlernamen habe ich nicht mitbekommen, ich wette aber kleinere Körperteile darauf, dass ihn ihm ein ‚Afro’ enthalten ist. Also tolle Haare hat der Mann, muss man ihm lassen. Noch dazu deutlich mehr als ich – aber das ist auch keine so grosse Leistung mehr. Dazu ist seine Performance schon fast olympisch, er steht keine fünftel Sekunde still. Kurz hatte ich auf Epilepsie getippt, er tanzt aber scheinbar einfach nur gerne. Viel weniger gerne legt er sich auf einen Musikstil fest: Auf 90er Jahre Techno folgt Soul, danach Ibiza-House, gefolgt von lyrischem Rap aus Westafrika. Eklektisch isser. 

    Trotzdem gebe ich zu: für ein Wochenende machbar. Vielleicht werde ich ja auch einfach toleranter dem Zeitgeist gegenüber. Angekommen an unserem nächsten Ziel, Köln, stelle ich fest: nein.

    Wir sind gebucht im 25 Hours The Circle. Einem wirklich schönen Bau der ursprünglich mal Hauptsitz einer Versicherung war, vermutlich in den 50er/60ern. Toll, wie man noch heute sieht dass Versicherungen scheinbar schon immer gut verdient haben. Jetzt aber ist der Prachtbau ein hippes Hotel. Oder zumindest eines dass es gerne sein möchte. Hier hat man sich für das Konzept ‚Raumfahrt der 70er’ als stilgebendes Element entschieden. Warum auch immer. Sie legen in Sachen unironischem Hipsterklischees noch mal drei Schippen drauf.

    • Natürlich gibt es eine Ecke in der man Schallplatten kaufen kann.
    • Und einen Spieleautomat aus den 80ern.
    • Displays mit Laufschriften fast lyrischer Natur „Beam me up, ‚Spaceship command only’ oder ‚Hemorrhoid Heaven’.
    • Ok, letzteres habe ich mir ausgedacht, wäre hier aber auch nicht aufgefallen. 
    • Zudem haben sie eine lebensgrosse Astronautenpuppe vor den Fahrstuhl geschleift, vor dem ich mich jedes Mal erschrecke, wenn ich ins Zimmer will.

    Der Empfang ist aber auch wieder ausgesprochen freundlich und im Gegensatz zu seinem holländischen Pendant wohl nicht auf Ecstasy. Dafür war es der Innendesigner sicher über Wochen:

    • Das Fahrstuhlinnere sieht aus, als ob jeden Moment der auferstandende Michael Jackson mit seiner Schwester ein Video drehen wird.
    • Die Zimmeraufteilung wurde von einer Type gemacht, der am ersten Level von Tetris scheitert.
    • Es gibt keinen Schrank, dafür hängen an jeder Ecke Kleiderbügel im Raum: neben dem Fernseher, an der Tür, im Bad. Nachdem wir ausgepackt haben sieht es im Zimmer aus wie in einer Kleiderboutique im Krieg.
    • Das Badezimmer ist Teil des Schlafzimmers. Oder umgekehrt, in Sachen Grösse geben sich die beiden Bereiche nicht viel.
    • Und natürlich sind die Lampen im Stil der 60er.

    Ein kleines Büchlein lässt, O-Ton ‘Hyper-Locals’, zu Wort kommen, die aus berufendem Munde Tipps zur Stadterkundung geben:

    Man sollte mal in eine Kölschkneipe gehen.
    Im Park kann man schön spazieren.
    Einkaufen kann man ganz toll in der Innenstadt.
    In manchen Cafés gibt es ganz tollen Kaffee.

    Dem kann man schwer was hinzufügen. Mir hätte vielleicht der Hinweis gefehlt dass der Dom eine schmucke Kirche ist. Im nächsten Leben werde ich auch Hyperlocal.

  • Ich hatte vor Jahren mal einen Artikel gelesen der davon handelte, wie unterschiedlich Männer und Frauen in den Spiegel schauen. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge, fokussieren Frauen sich verstärkt auf Teile ihres Körpers mit denen sie nicht besonders glücklich sind, während Männer sich scheinbar ansehen und das Gesehene meist unter „Gar nicht so schlecht“ abspeichern. Allerdings gibt es wohl bei meinen Geschlechtsgenossen immer mal wieder Momente, in denen sich die Realität Bahn bricht und wir auf einmal ungefiltert einen Blick auf das wahre Ich im Spiegel werfen können. Bei mir war dies kürzlich der Fall. 

    Angefühlt hat es sich allerdings weniger wie die zaghafte Zurkenntnisnahme dass es da wohl ein paar Baustellen gibt, sondern eher wie der plötzliche Blick auf einen entsetzlichen und gleichermassen obskuren, faszinierenden Unfall. Als würde man Zeuge wie ein Zigarre rauchender Hirsch am Steuer eines pinkfarbenen Kleinbusses in eine Gruppe von nackten Liegeradfahrern rasselt.

    Weil gute Freunde von uns heirateten, befand ich mich mit meiner wundervollen Frau für ein paar Tage in einem sehr netten Hotel in Italien. Zentral gelegen, ein schönes geräumiges Zimmer, wundervoll freundliche Mitarbeiter, alles perfekt. Bis auf das Bad. Da es keine Fenster hatte, hatte man sich beim Design scheinbar Rat von der Type geholt, der sonst die Flutlichter in Fussballstadien installiert. Gleissendes Licht von der gesamten Decke. Zudem waren zum Zeitpunkt des Innenausbaus Spiegel scheinbar billiger als Fliesen. Das war kein Badezimmer, das war das kleinste Spiegellabyrinth südlich der Alpen.

    Als ich also aus der Dusche stieg, sah ich meinen Körper also plötzlich grell ausgeleuchtet aus Winkeln, die mir mein bisheriges Leben lang dankenswerterweise verborgen geblieben waren. Binnen Sekunden, wurde mein Gehirn mit verschiedenen Informationen und Einsichten geflutet:

    1. Mein Hintern ist gut zwanzig Jahre älter als der Rest meines Koerpers
    2. Zu glauben dass mein Haarausfall absolut unauffällig ist, ist so nicht ganz korrekt.  
    3. Grosse Teile meines Kopfhaars ist scheinbar nicht verschwunden, sondern hat sich nur von der Gruppe gelöst um Kolonien an anderen Stellen zu bilden.
    4. Dass meine Hosen scheinbar nie am vorgesehenen Platz bleiben, ist keine Einbildung sondern schlichte Physik.
    5. Sollte aus irgendeinem Grund mal eine Koerperbeschreibung von mir nötig sein, reicht ein kurzes ‚birnenförmig‘
    6. Wir müssen dringend den Kühlschrank unter Starkstrom setzen

    Ich habe sofort so reagiert, wie ich es meistens tue wenn meinem Kopf sonst keine adäquate Reaktion einfällt: mit einem Lachkrampf. Als ich mich etwas von diesem visuellen Frontalunfall erholt hatte, wurde mir leider auch klar, dass die Zeiten in denen ich Kalorien ignorieren und Sport auch mal aufschieben kann fuer die nächsten Jahre erstmal passé sind. Frisch motiviert habe ich also einen Sport- und Ernährungsplan erstellt. Ach was, die Mutter aller Koerperoptimierungsprogramme: Intermittierendes Fasten, High Intensity Interval Training, kontrollierter Muskelaufbau, keine Kohlenhydrate bis Weihnachten 2030, permanentes Tracking von Gewicht, Nahrungsaufnahme und allem was man sonst noch so messen kann, dokumentiert von den Top 5 aller Fitness Apps. 

    Durchhaltevermögen scheint im Alter schon mal kein Problem mehr zu sein – tatsächlich konnte ich nach drei Monaten schon mal ein Zwischenfazit ziehen: es ist GAR nichts passiert. Zumindest mal nichts was man mit blossem Auge erkennen koennte.  Dafuer kann ich jetzt wohl mit deutlich mehr Kondition essen. 

  • Über Jahre hinweg, war ich das technische Herz der erweiterten Familie. Egal ob Hardware, Software, Telefon oder Küchengeräte. Wenn es einen Stecker hat, habe ich mich um Probleme damit gekümmert. Zu Beginn meines Arbeitsleben habe ich auch mal im IT Support gearbeitet, daher war ich scheinbar auch prädestiniert fuer die Rolle der familieninternen Technikhotline.

    Wann genau das passiert ist kann ich genausowenig sagen wie warum, aber Tatsache ist dass ich von Technik mittlerweile weniger verstehe als von nachhaltiger Rentierzucht. Diese Einsicht kam zugegeben nicht von selbst, sie ist das Ergebnis von verschiedenen Geräten im Haus die scheinbar beschlossen haben mir Lektionen in Demut zu erteilen. 

    1. Der Fernseher. 

    Wir leben in Spanien und scheinbar ist der Fernseher sich dessen auch völlig bewusst. Ein stolzer Spanier, gefangen im Körper eines südkoreanischen Unterhaltungsgerätes. Nun sehen wir eben auch gerne mal Filme und Serien aus Deutschland oder den USA. Das TV Gerät und seine Vasallen, die diversen Contentapps und Mediatheken dieser Welt, sind aber der Meinung dass wir mal nicht so entertainmentgeil sein sollten. 

    Eine kurze Googlesuche ergibt: gar kein Problem. VPN ist die Lösung und auch ganz einfach zu installieren. Wobei ich im Nachhinein verstehe dass ‚ganz einfach‘ sehr subjektiv ist. Ein wenig als würde man einen dreifach gesprungenen Rittberger als ‚nicht uebermaessig schwer’ beschreiben – solange man eben einfach Eiskunstläufer ist. Wahrscheinlich liegt es aber auch in der Natur der Dinge, dass Menschen die sich die Zeit nehmen in Onlineforen VPN Installationshinweise zu schreiben von Technik wahrscheinlich mehr verstehen als eine mittelalte Type dessen groesste technische Leistung darin besteht, Windows 95 installiert haben zu können. 

    Trotzdem nehme ich mir einfach mal eine Anleitung vor: 

    „Laden Sie ein VPN herunter. Such die Smart DNS-Seite auf der Website deines VPNs und aktiviere Smart DNS.Öffne das Menü Einstellungen auf deinem Samsung Smart TV. Wähle die Registerkarte Netzwerk. Je nachdem, wie dein Fernseher bei einigen Modellen angeschlossen ist, musst du auch die Registerkarte WLAN-Verbindung oder Ethernet-Verbindung auswählen. Öffne die Registerkarte „Netzwerkstatus“, wähle „IP-Einstellungen“, gehe dann zu „DNS-Einstellungen“ und wähle „Manuell eingeben“. Gib unter „Primary DNS“ eine der DNS-Adressen ein, die du von der Website deines VPNs erhalten hast. Klicke auf „OK“, starte deinen Fernseher neu, und schau dir die nicht gesperrten TV-Serien und Filme von überall aus an!“

    Ok. Ich versuche den App Store auf dem Fernseher zu öffnen. Er fragt nach meinem Passwort. Natürlich habe ich es vergessen. Also versuche ich es zurückzusetzen. Selbstverständlich habe ich auch vergessen welche email ich zur Anmeldung damals genutzt habe. Nach weiteren fünf Versuchen fällt mir ein, dass ich mich eigentlich noch nie irgendwo angemeldet habe. Also mache ich das jetzt mal. Nur eine knappe Stunde später schon habe ich mich so weit in den Untiefen der Einstellungen unseres Fernsehers verirrt, dass mir glaube ich Maschinenbauteilseriennummern in kyrillisch nach Datum sortiert angezeigt werden. Das wird so nichts mehr. 

    Seitdem stossen wir aber immer wieder mal auf wirklich unterhaltsame Comedyserien aus Korea. Leider eben auf Kantonesisch synchronisiert und mit ungarischen Untertiteln. Man soll ja nicht zu viel wollen.

    2. Die Apple Familie.

    Uns geht es wie so vielen Menschen die einfache Geräte in hübscher Form moegen: wir sind Apple voll und ganz ausgeliefert. Eben einfach weil alles so schön einfach und intuitiv ist. Es find ganz harmlos mit einem iPhone an – mittlerweile sehen grosse Teile unserer Zimmer so aus, als hätte sich ein Applestore in ihnen übergeben. 

    Das Perfide ist: je leichter Apple es uns machen möchte, desto schwieriger wird das Leben mit seinen Produkten. Ich kann mir zum Beispiel bildlich vorstellen, wie es irgendwann mal ein Meeting gegeben haben muss in dem der folgende Satz fiel: 

    „Wäre es nicht viel einfacher, wenn Nutzer gar nicht mehr installieren müssten sondern jedes Gerät automatisch mit allen anderen integriert wird?“

    Wie mit allem gilt: im Prinzip schon. Natürlich ist es eine Wohltat, einfach ein neues Smartphone kaufen zu können, ihm zu sagen wo es steht und eine Stunde später ist es vollständig eingerichtet und bereit benutzt zu werden. Aber eben mit Tücken. 

    Zum Beispiel habe ich an irgendeinem Punkt mal einen Haken gesetzt oder vergessen zu setzen. In jedem Fall klingeln jetzt alle Geräte des Hauses wenn ich einen Anruf bekomme. Und ich meine ALLE. Schön, man verpasst keinen Anruf mehr – nachts aber panisch aufzuschrecken weil irgendeine Telemarketingfirma aus Hong Kong alte Nummern abtelefoniert, ist unschön. Also versuche ich das abzustellen. 

    Der Dreh- und Angelpunkt ist hierfür scheinbar die Apple ID. Die finde ich sogar recht schnell, nur: es ist eine email Adresse von der ich schwören könnte, sie noch nie in meinem Leben gesehen, geschweige denn benutzt zu haben. So muss sich ein Demenzpatient fühlen der verkatert mit einem Filmriss in einer Tierarztpraxis in Bogota aufwacht – nachdem er in einem Reihenendhaus in Detmold zu Bett gegangen ist. 

    Hilft ja trotzdem alles nichts. Natürlich weiss ich das Passwort nicht mehr, also setze ich es zurück. Um es ändern zu können, muss ich in die Inbox der email sehen von der ich das Passwort auch nicht mehr weiss. Also setze ich das auch zurück. Um weitermachen zu können muss ich eine email Adresse bestätigen, die ich das letzte Mal benutzt habe als Gerhard Schröder noch Kanzler war. Im Zuge dessen werde ich gefragt was mein Lieblingsfilm ist. Vielmehr werde ich eigentlich gefragt was mein Lieblingsfilm 2002 war. Nachdem ich für eine knappe halbe Stunde weitestgehend zufällig Filmnamen der frühen 2000er eingegeben habe, fragt man mich ob ich ein Roboter sei und bittet mich Pyramiden nach ihrer Bauzeit zu sortieren. Ich gebe auf. Gleichzeitig bin ich ein wenig erleichtert: wenn das die künstliche Intelligenz ist, die uns allen die Arbeit wegnehmen soll, haben wir noch locker bis 2080 Zeit. 

    3. Der Backofen

    Ein eher schlichtes Gerät möchte man meinen. Tür auf, Krempel rein, Tür zu, Art der Hitze und Temperatur einstellen, fertig. So war es zumindest mal, ist es aber scheinbar nicht mehr. Nun besitzen wir nicht mal einen hochmodernen Ofen der vielleicht auch gleich noch ein Taxi bestellen könnte wenn er schon eine Pizza erhitzt. Gibt es übrigens wirklich. Für den in den 70ern geborene Menschen grenzen folgende, wirklich existierende, Funktionen nah an bemannter Raumfahrt. Es gibt z.B. :

    • Den PerfectBake Backsensor
    • Die Dampfstossfunktion
    • Den Autopilot (kein Scherz)
    • Das PerfectRoast Bratenthermometer

    Aber ich schweife ab. Unser Backofen jedenfalls besitzt eine Funktion, die wohl dazu erdacht war den ambitionierten Hobbykoch beim Timing der Zubereitung mittels einer Alarmfunktion zu unterstützen. Ich vermute mal im Sinne von „Ihr Truthahn braucht 220C für 15 Minuten, dann 160 für drei Stunden und noch mal 250 für fünf Minuten zum Finish? Kein Problem. Macht der Siemens Komplikat 2500 selbstverständlich gerne fuer Sie.“

    In unserer Kueche steht jedenfalls ein Geraet dem irgendwann mal ein Psychopath ein Programm mit auf den Weg gegeben hat, das heute kein Mensch mehr nachvollziehen kann. Alle sechs bis acht Wochen piept sich der Ofen in Extase. Völlig willkürlich. Und ich habe keine Ahnung wie ich das abstelle. Meist drücke ich so lange irgendwelche Knöpfe bis er aufhört zu schreien. Nur um dann drei Minuten später weiterzumachen. Unser beider Rekord liegt bei einer nervenzehrenden Stunde bis er aufgab.

    Fazit: ich bin nur noch wenige Jahre davon entfernt, Lichtschalter nur unter Anleitung bedienen zu können.

  • Meine Ohren waren schon immer meine Schwachstelle. Als Kind und Jugendlicher hatte ich beachtliche Segelohren. Nicht gerade ein Booster für das Selbstbewusstsein in der Pubertät, ich glaube ich kenne jeden Witz, den man über abstehende Ohren so machen kann:

    • Ist windig draussen, pass besser auf.
    • Von vorne hast du etwas von einer Henkeltasse.
    • Kannst du eigentlich einschlafen wenn das Gras wächst?
    • Alles, was man mit Dumbo dem Elefant verbinden kann.

    Mit Mitte 20 hatte ich dann genug und hatte mir damals die Ohren anlegen lassen, würde ich jederzeit wieder machen. Ich war also sicher, das Thema Ohren hätte sich für mich ein für alle Mal erledigt. Hat es nicht. Die letzten Jahre merke ich, dass ich einfach schlechter höre. Jetzt nicht gerade Hörrohrschlecht, aber schon spürbar. Ob das jetzt eine reine Alterssache ist, genetische Prädisposition oder einfach Pech, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe ja auch den Verdacht, dass die Technoclubs meiner Jugend etwas damit zu tun haben könnten. Frankfurter Clubs in den 90ern waren durch die Bank in der Lage, in Sachen Lautstärke mit grösseren Artilleriegeschützen mitzuhalten.

    So oder so, ich höre nicht mehr wie ein Luchs. Vielleicht eher wie ein altersschwacher Dackel. Bei unserem weiss man auch nie ob er einfach keinen Bock hat zu hören oder taub wie ein Pfosten ist. 

    Die ganze beginnende Schwerhörigkeit führt in jedem Fall zu drolligen Situationen. Zum Beispiel ist es mittlerweile wirklich schwierig geworden wenn ich mich an Orten befinde, in denen es sehr laut ist. Volle Restaurants oder Bars zum Beispiel. Ich gehe gern und häufig essen mit meiner Frau oder Freunden und auch beruflich ist das oft einfach Teil des Lebens. Wenn es dort aber zu laut ist, bin ich kommunikativ völlig aufgeschmissen. 

    Neulich war ich zu einem Lunch im Rahmen eines Kongresses eingeladen. Kleiner Raum, viele Menschen, viele Sprachen, alle reden gleichzeitig. Für mich fühlte es sich an als hätte ich den Kopf in einen Orchestergraben gesteckt. Neben mir ein netter Herr aus Paris der irgendwas mit Metallhandel macht. Glaube ich. Vielleicht kam er auch aus Parsing und hat etwas mit Schallwandel zu tun. Ich habe mich eine halbe Stunde versucht mit dem Mann zu unterhalten, aber vielleicht maximal 20% verstanden. Ständig nachzufragen wird auch irgendwann unhöflich, also habe ich es irgendwann gelassen und mich auf meine Notstrategie gestützt: viel Lächeln, viel Augenkontakt, viel Zustimmen. Wahrscheinlich hielt er mich entweder für leicht dement oder ich habe versehentlich eine Schiffsladung Edelmetalle bestellt. Bis jetzt kam noch keine Rechnung, also vermute ich mal Ersteres. 

    Was auch wirklich faszinierend ist: wie schnell man sich verhören kann und was dabei so für ein Mist rauskommt. Kürzlich, an einem entspannten Sonntag auf der Couch mit meiner Frau, lief eine Doku über Amsterdam. Weil ich an solchen Tagen meist wie ein Waschbär auf Nahrungssuche zwischen Wohnzimmer und Küche pendele, variiert damit auch die Lautstärke der Sendung für mich. Irgendwann höre ich den Sprecher sagen: “Amsterdam ist auch bekannt als die Stadt der 200 Garnelen.” Und bestimmt eine Viertelstunde lang wundere ich mich über diese Behauptung. Erstmal habe ich noch NIE gehört dass Amsterdam für seine Meeresprodukte bekannt ist. Käse, Blumen, Drogen – klar. Vielleicht auch “Die Stadt mit den schrecklichsten Touristen”, aber Garnelen? Zudem fand ich die Zahl merkwürdig spezifisch. Also selbst wenn ich eine grosse Wissenslücke in Sachen holländischem Fischexport habe, scheinen 200 Garnelen nicht genug, um damit eine Stadt berühmt zu machen. Nach viel zu langem Sinnieren teile ich also meine Bedenken über diese Behauptung mit meiner wundervollen und ausgezeichnet hörenden Frau. Die mir sehr trocken und sehr geduldig erklärt dass Amsterdam die Stadt der 200 Kanäle sei – was zugegebenermassen auch sehr viel mehr Sinn macht. 

    Meine Frau ist übrigens ein grosses Opfer meiner zunehmenden Midlife-Akustik. Entgegen vieler anderer Männer kann ich mich glücklich schätzen dass ich meiner Ehefrau gerne zuhöre weil sie klug, witzig, schlagfertig und mit einer sehr angenehmen Stimme gesegnet ist. Hilft aber alles nichts. Meine ganz persönliche Beobachtungs- und Vergleichsstudie zeigt: manche Frequenzen liegen mir mittlerweile mehr als andere. Jetzt mal rein in Sachen Verständlichkeit ist für mich der Stimmton ‘schrill und quietschig’ erste Sahne. Die Frequenz meiner Frau ist leider nicht dabei. Was mittlerweile oft dazu führt dass sie mir Dinge 2-3 mal sagen muss. Wenigstens weiss sie, dass ich es nicht mit Absicht mache. Damit habe ich unserem Dackel also schon mal was voraus. 

  • So. Ich habe seit sieben Jahren keinen Blogpost mehr geschrieben – wird Zeit, dass sich das ändert. 

    Der Anlass? Mehrere. 

    Erst mal das offensichtliche, mein Alter. Ich bin jetzt 51, also mittendrin im mittleren Alter in dem ich scheinbar jetzt mal anfangen sollte mir einen Porsche zu kaufen, eine Geliebte zu angeln, die noch nicht auf der Welt war als ich Abi gemacht habe und Surfen zu lernen. Mindestens. 

    Zum Alter kommt dass ich merkwürdige Dinge bemerke an mir: die Haarwachstumsverschiebung von Kopf zu Körper. Körperteile die scheinbar beschlossen haben nur noch auf halber Kraft zu laufen. Stimmungsschwankungen wie eine sehr, sehr milde Schizophrenie. Mich verletzen zu können in Situationen die eigentlich in keinster Weise gefährlich sind. Wie schlafen zum Beispiel. 

    Zum dritten mein Umfeld. Die, die nicht in meiner Kohorte sind sehen mich anders an als früher. Nicht unbedingt besser. Meine Altersgenossen entwickeln entweder merkwürdige Spleens oder berichten mir die exakt gleichen Beobachtungen wie an mir selbst. Faszinierend. 

    Zuguterletzt einfach die Lust mal wieder was zu schreiben. In erster Linie für mich, weil ich es einfach mag zu schreiben. Zudem bin ich wirklich in dem Alter in dem ich Dinge vergesse, wenn ich sie nicht sofort aufschreibe. Und das wäre schade. 

    Also fange ich mal an. Ich versuche mal zu notieren was mir am Midlife so alles auffällt an mir. Und warum ich überzeugt davon bin, dass es keine Krise ist.