Ich hatte vor Jahren mal einen Artikel gelesen der davon handelte, wie unterschiedlich Männer und Frauen in den Spiegel schauen. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge, fokussieren Frauen sich verstärkt auf Teile ihres Körpers mit denen sie nicht besonders glücklich sind, während Männer sich scheinbar ansehen und das Gesehene meist unter „Gar nicht so schlecht“ abspeichern. Allerdings gibt es wohl bei meinen Geschlechtsgenossen immer mal wieder Momente, in denen sich die Realität Bahn bricht und wir auf einmal ungefiltert einen Blick auf das wahre Ich im Spiegel werfen können. Bei mir war dies kürzlich der Fall.
Angefühlt hat es sich allerdings weniger wie die zaghafte Zurkenntnisnahme dass es da wohl ein paar Baustellen gibt, sondern eher wie der plötzliche Blick auf einen entsetzlichen und gleichermassen obskuren, faszinierenden Unfall. Als würde man Zeuge wie ein Zigarre rauchender Hirsch am Steuer eines pinkfarbenen Kleinbusses in eine Gruppe von nackten Liegeradfahrern rasselt.
Weil gute Freunde von uns heirateten, befand ich mich mit meiner wundervollen Frau für ein paar Tage in einem sehr netten Hotel in Italien. Zentral gelegen, ein schönes geräumiges Zimmer, wundervoll freundliche Mitarbeiter, alles perfekt. Bis auf das Bad. Da es keine Fenster hatte, hatte man sich beim Design scheinbar Rat von der Type geholt, der sonst die Flutlichter in Fussballstadien installiert. Gleissendes Licht von der gesamten Decke. Zudem waren zum Zeitpunkt des Innenausbaus Spiegel scheinbar billiger als Fliesen. Das war kein Badezimmer, das war das kleinste Spiegellabyrinth südlich der Alpen.
Als ich also aus der Dusche stieg, sah ich meinen Körper also plötzlich grell ausgeleuchtet aus Winkeln, die mir mein bisheriges Leben lang dankenswerterweise verborgen geblieben waren. Binnen Sekunden, wurde mein Gehirn mit verschiedenen Informationen und Einsichten geflutet:
- Mein Hintern ist gut zwanzig Jahre älter als der Rest meines Koerpers
- Zu glauben dass mein Haarausfall absolut unauffällig ist, ist so nicht ganz korrekt.
- Grosse Teile meines Kopfhaars ist scheinbar nicht verschwunden, sondern hat sich nur von der Gruppe gelöst um Kolonien an anderen Stellen zu bilden.
- Dass meine Hosen scheinbar nie am vorgesehenen Platz bleiben, ist keine Einbildung sondern schlichte Physik.
- Sollte aus irgendeinem Grund mal eine Koerperbeschreibung von mir nötig sein, reicht ein kurzes ‚birnenförmig‘
- Wir müssen dringend den Kühlschrank unter Starkstrom setzen
Ich habe sofort so reagiert, wie ich es meistens tue wenn meinem Kopf sonst keine adäquate Reaktion einfällt: mit einem Lachkrampf. Als ich mich etwas von diesem visuellen Frontalunfall erholt hatte, wurde mir leider auch klar, dass die Zeiten in denen ich Kalorien ignorieren und Sport auch mal aufschieben kann fuer die nächsten Jahre erstmal passé sind. Frisch motiviert habe ich also einen Sport- und Ernährungsplan erstellt. Ach was, die Mutter aller Koerperoptimierungsprogramme: Intermittierendes Fasten, High Intensity Interval Training, kontrollierter Muskelaufbau, keine Kohlenhydrate bis Weihnachten 2030, permanentes Tracking von Gewicht, Nahrungsaufnahme und allem was man sonst noch so messen kann, dokumentiert von den Top 5 aller Fitness Apps.
Durchhaltevermögen scheint im Alter schon mal kein Problem mehr zu sein – tatsächlich konnte ich nach drei Monaten schon mal ein Zwischenfazit ziehen: es ist GAR nichts passiert. Zumindest mal nichts was man mit blossem Auge erkennen koennte. Dafuer kann ich jetzt wohl mit deutlich mehr Kondition essen.
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