Midlife-Mimimi

Für alle, die schon immer wissen wollten was im Kopf eines Mannes mittleren Alters vorgeht – willkommen in meinem.

Meine Ohren waren schon immer meine Schwachstelle. Als Kind und Jugendlicher hatte ich beachtliche Segelohren. Nicht gerade ein Booster für das Selbstbewusstsein in der Pubertät, ich glaube ich kenne jeden Witz, den man über abstehende Ohren so machen kann:

  • Ist windig draussen, pass besser auf.
  • Von vorne hast du etwas von einer Henkeltasse.
  • Kannst du eigentlich einschlafen wenn das Gras wächst?
  • Alles, was man mit Dumbo dem Elefant verbinden kann.

Mit Mitte 20 hatte ich dann genug und hatte mir damals die Ohren anlegen lassen, würde ich jederzeit wieder machen. Ich war also sicher, das Thema Ohren hätte sich für mich ein für alle Mal erledigt. Hat es nicht. Die letzten Jahre merke ich, dass ich einfach schlechter höre. Jetzt nicht gerade Hörrohrschlecht, aber schon spürbar. Ob das jetzt eine reine Alterssache ist, genetische Prädisposition oder einfach Pech, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe ja auch den Verdacht, dass die Technoclubs meiner Jugend etwas damit zu tun haben könnten. Frankfurter Clubs in den 90ern waren durch die Bank in der Lage, in Sachen Lautstärke mit grösseren Artilleriegeschützen mitzuhalten.

So oder so, ich höre nicht mehr wie ein Luchs. Vielleicht eher wie ein altersschwacher Dackel. Bei unserem weiss man auch nie ob er einfach keinen Bock hat zu hören oder taub wie ein Pfosten ist. 

Die ganze beginnende Schwerhörigkeit führt in jedem Fall zu drolligen Situationen. Zum Beispiel ist es mittlerweile wirklich schwierig geworden wenn ich mich an Orten befinde, in denen es sehr laut ist. Volle Restaurants oder Bars zum Beispiel. Ich gehe gern und häufig essen mit meiner Frau oder Freunden und auch beruflich ist das oft einfach Teil des Lebens. Wenn es dort aber zu laut ist, bin ich kommunikativ völlig aufgeschmissen. 

Neulich war ich zu einem Lunch im Rahmen eines Kongresses eingeladen. Kleiner Raum, viele Menschen, viele Sprachen, alle reden gleichzeitig. Für mich fühlte es sich an als hätte ich den Kopf in einen Orchestergraben gesteckt. Neben mir ein netter Herr aus Paris der irgendwas mit Metallhandel macht. Glaube ich. Vielleicht kam er auch aus Parsing und hat etwas mit Schallwandel zu tun. Ich habe mich eine halbe Stunde versucht mit dem Mann zu unterhalten, aber vielleicht maximal 20% verstanden. Ständig nachzufragen wird auch irgendwann unhöflich, also habe ich es irgendwann gelassen und mich auf meine Notstrategie gestützt: viel Lächeln, viel Augenkontakt, viel Zustimmen. Wahrscheinlich hielt er mich entweder für leicht dement oder ich habe versehentlich eine Schiffsladung Edelmetalle bestellt. Bis jetzt kam noch keine Rechnung, also vermute ich mal Ersteres. 

Was auch wirklich faszinierend ist: wie schnell man sich verhören kann und was dabei so für ein Mist rauskommt. Kürzlich, an einem entspannten Sonntag auf der Couch mit meiner Frau, lief eine Doku über Amsterdam. Weil ich an solchen Tagen meist wie ein Waschbär auf Nahrungssuche zwischen Wohnzimmer und Küche pendele, variiert damit auch die Lautstärke der Sendung für mich. Irgendwann höre ich den Sprecher sagen: “Amsterdam ist auch bekannt als die Stadt der 200 Garnelen.” Und bestimmt eine Viertelstunde lang wundere ich mich über diese Behauptung. Erstmal habe ich noch NIE gehört dass Amsterdam für seine Meeresprodukte bekannt ist. Käse, Blumen, Drogen – klar. Vielleicht auch “Die Stadt mit den schrecklichsten Touristen”, aber Garnelen? Zudem fand ich die Zahl merkwürdig spezifisch. Also selbst wenn ich eine grosse Wissenslücke in Sachen holländischem Fischexport habe, scheinen 200 Garnelen nicht genug, um damit eine Stadt berühmt zu machen. Nach viel zu langem Sinnieren teile ich also meine Bedenken über diese Behauptung mit meiner wundervollen und ausgezeichnet hörenden Frau. Die mir sehr trocken und sehr geduldig erklärt dass Amsterdam die Stadt der 200 Kanäle sei – was zugegebenermassen auch sehr viel mehr Sinn macht. 

Meine Frau ist übrigens ein grosses Opfer meiner zunehmenden Midlife-Akustik. Entgegen vieler anderer Männer kann ich mich glücklich schätzen dass ich meiner Ehefrau gerne zuhöre weil sie klug, witzig, schlagfertig und mit einer sehr angenehmen Stimme gesegnet ist. Hilft aber alles nichts. Meine ganz persönliche Beobachtungs- und Vergleichsstudie zeigt: manche Frequenzen liegen mir mittlerweile mehr als andere. Jetzt mal rein in Sachen Verständlichkeit ist für mich der Stimmton ‘schrill und quietschig’ erste Sahne. Die Frequenz meiner Frau ist leider nicht dabei. Was mittlerweile oft dazu führt dass sie mir Dinge 2-3 mal sagen muss. Wenigstens weiss sie, dass ich es nicht mit Absicht mache. Damit habe ich unserem Dackel also schon mal was voraus. 

Posted in

Leave a comment