Midlife-Mimimi

Für alle, die schon immer wissen wollten was im Kopf eines Mannes mittleren Alters vorgeht – willkommen in meinem.

Über Jahre hinweg, war ich das technische Herz der erweiterten Familie. Egal ob Hardware, Software, Telefon oder Küchengeräte. Wenn es einen Stecker hat, habe ich mich um Probleme damit gekümmert. Zu Beginn meines Arbeitsleben habe ich auch mal im IT Support gearbeitet, daher war ich scheinbar auch prädestiniert fuer die Rolle der familieninternen Technikhotline.

Wann genau das passiert ist kann ich genausowenig sagen wie warum, aber Tatsache ist dass ich von Technik mittlerweile weniger verstehe als von nachhaltiger Rentierzucht. Diese Einsicht kam zugegeben nicht von selbst, sie ist das Ergebnis von verschiedenen Geräten im Haus die scheinbar beschlossen haben mir Lektionen in Demut zu erteilen. 

1. Der Fernseher. 

Wir leben in Spanien und scheinbar ist der Fernseher sich dessen auch völlig bewusst. Ein stolzer Spanier, gefangen im Körper eines südkoreanischen Unterhaltungsgerätes. Nun sehen wir eben auch gerne mal Filme und Serien aus Deutschland oder den USA. Das TV Gerät und seine Vasallen, die diversen Contentapps und Mediatheken dieser Welt, sind aber der Meinung dass wir mal nicht so entertainmentgeil sein sollten. 

Eine kurze Googlesuche ergibt: gar kein Problem. VPN ist die Lösung und auch ganz einfach zu installieren. Wobei ich im Nachhinein verstehe dass ‚ganz einfach‘ sehr subjektiv ist. Ein wenig als würde man einen dreifach gesprungenen Rittberger als ‚nicht uebermaessig schwer’ beschreiben – solange man eben einfach Eiskunstläufer ist. Wahrscheinlich liegt es aber auch in der Natur der Dinge, dass Menschen die sich die Zeit nehmen in Onlineforen VPN Installationshinweise zu schreiben von Technik wahrscheinlich mehr verstehen als eine mittelalte Type dessen groesste technische Leistung darin besteht, Windows 95 installiert haben zu können. 

Trotzdem nehme ich mir einfach mal eine Anleitung vor: 

„Laden Sie ein VPN herunter. Such die Smart DNS-Seite auf der Website deines VPNs und aktiviere Smart DNS.Öffne das Menü Einstellungen auf deinem Samsung Smart TV. Wähle die Registerkarte Netzwerk. Je nachdem, wie dein Fernseher bei einigen Modellen angeschlossen ist, musst du auch die Registerkarte WLAN-Verbindung oder Ethernet-Verbindung auswählen. Öffne die Registerkarte „Netzwerkstatus“, wähle „IP-Einstellungen“, gehe dann zu „DNS-Einstellungen“ und wähle „Manuell eingeben“. Gib unter „Primary DNS“ eine der DNS-Adressen ein, die du von der Website deines VPNs erhalten hast. Klicke auf „OK“, starte deinen Fernseher neu, und schau dir die nicht gesperrten TV-Serien und Filme von überall aus an!“

Ok. Ich versuche den App Store auf dem Fernseher zu öffnen. Er fragt nach meinem Passwort. Natürlich habe ich es vergessen. Also versuche ich es zurückzusetzen. Selbstverständlich habe ich auch vergessen welche email ich zur Anmeldung damals genutzt habe. Nach weiteren fünf Versuchen fällt mir ein, dass ich mich eigentlich noch nie irgendwo angemeldet habe. Also mache ich das jetzt mal. Nur eine knappe Stunde später schon habe ich mich so weit in den Untiefen der Einstellungen unseres Fernsehers verirrt, dass mir glaube ich Maschinenbauteilseriennummern in kyrillisch nach Datum sortiert angezeigt werden. Das wird so nichts mehr. 

Seitdem stossen wir aber immer wieder mal auf wirklich unterhaltsame Comedyserien aus Korea. Leider eben auf Kantonesisch synchronisiert und mit ungarischen Untertiteln. Man soll ja nicht zu viel wollen.

2. Die Apple Familie.

Uns geht es wie so vielen Menschen die einfache Geräte in hübscher Form moegen: wir sind Apple voll und ganz ausgeliefert. Eben einfach weil alles so schön einfach und intuitiv ist. Es find ganz harmlos mit einem iPhone an – mittlerweile sehen grosse Teile unserer Zimmer so aus, als hätte sich ein Applestore in ihnen übergeben. 

Das Perfide ist: je leichter Apple es uns machen möchte, desto schwieriger wird das Leben mit seinen Produkten. Ich kann mir zum Beispiel bildlich vorstellen, wie es irgendwann mal ein Meeting gegeben haben muss in dem der folgende Satz fiel: 

„Wäre es nicht viel einfacher, wenn Nutzer gar nicht mehr installieren müssten sondern jedes Gerät automatisch mit allen anderen integriert wird?“

Wie mit allem gilt: im Prinzip schon. Natürlich ist es eine Wohltat, einfach ein neues Smartphone kaufen zu können, ihm zu sagen wo es steht und eine Stunde später ist es vollständig eingerichtet und bereit benutzt zu werden. Aber eben mit Tücken. 

Zum Beispiel habe ich an irgendeinem Punkt mal einen Haken gesetzt oder vergessen zu setzen. In jedem Fall klingeln jetzt alle Geräte des Hauses wenn ich einen Anruf bekomme. Und ich meine ALLE. Schön, man verpasst keinen Anruf mehr – nachts aber panisch aufzuschrecken weil irgendeine Telemarketingfirma aus Hong Kong alte Nummern abtelefoniert, ist unschön. Also versuche ich das abzustellen. 

Der Dreh- und Angelpunkt ist hierfür scheinbar die Apple ID. Die finde ich sogar recht schnell, nur: es ist eine email Adresse von der ich schwören könnte, sie noch nie in meinem Leben gesehen, geschweige denn benutzt zu haben. So muss sich ein Demenzpatient fühlen der verkatert mit einem Filmriss in einer Tierarztpraxis in Bogota aufwacht – nachdem er in einem Reihenendhaus in Detmold zu Bett gegangen ist. 

Hilft ja trotzdem alles nichts. Natürlich weiss ich das Passwort nicht mehr, also setze ich es zurück. Um es ändern zu können, muss ich in die Inbox der email sehen von der ich das Passwort auch nicht mehr weiss. Also setze ich das auch zurück. Um weitermachen zu können muss ich eine email Adresse bestätigen, die ich das letzte Mal benutzt habe als Gerhard Schröder noch Kanzler war. Im Zuge dessen werde ich gefragt was mein Lieblingsfilm ist. Vielmehr werde ich eigentlich gefragt was mein Lieblingsfilm 2002 war. Nachdem ich für eine knappe halbe Stunde weitestgehend zufällig Filmnamen der frühen 2000er eingegeben habe, fragt man mich ob ich ein Roboter sei und bittet mich Pyramiden nach ihrer Bauzeit zu sortieren. Ich gebe auf. Gleichzeitig bin ich ein wenig erleichtert: wenn das die künstliche Intelligenz ist, die uns allen die Arbeit wegnehmen soll, haben wir noch locker bis 2080 Zeit. 

3. Der Backofen

Ein eher schlichtes Gerät möchte man meinen. Tür auf, Krempel rein, Tür zu, Art der Hitze und Temperatur einstellen, fertig. So war es zumindest mal, ist es aber scheinbar nicht mehr. Nun besitzen wir nicht mal einen hochmodernen Ofen der vielleicht auch gleich noch ein Taxi bestellen könnte wenn er schon eine Pizza erhitzt. Gibt es übrigens wirklich. Für den in den 70ern geborene Menschen grenzen folgende, wirklich existierende, Funktionen nah an bemannter Raumfahrt. Es gibt z.B. :

  • Den PerfectBake Backsensor
  • Die Dampfstossfunktion
  • Den Autopilot (kein Scherz)
  • Das PerfectRoast Bratenthermometer

Aber ich schweife ab. Unser Backofen jedenfalls besitzt eine Funktion, die wohl dazu erdacht war den ambitionierten Hobbykoch beim Timing der Zubereitung mittels einer Alarmfunktion zu unterstützen. Ich vermute mal im Sinne von „Ihr Truthahn braucht 220C für 15 Minuten, dann 160 für drei Stunden und noch mal 250 für fünf Minuten zum Finish? Kein Problem. Macht der Siemens Komplikat 2500 selbstverständlich gerne fuer Sie.“

In unserer Kueche steht jedenfalls ein Geraet dem irgendwann mal ein Psychopath ein Programm mit auf den Weg gegeben hat, das heute kein Mensch mehr nachvollziehen kann. Alle sechs bis acht Wochen piept sich der Ofen in Extase. Völlig willkürlich. Und ich habe keine Ahnung wie ich das abstelle. Meist drücke ich so lange irgendwelche Knöpfe bis er aufhört zu schreien. Nur um dann drei Minuten später weiterzumachen. Unser beider Rekord liegt bei einer nervenzehrenden Stunde bis er aufgab.

Fazit: ich bin nur noch wenige Jahre davon entfernt, Lichtschalter nur unter Anleitung bedienen zu können.

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